Der Gallimarkt anno 1908

Leer, den 8. Oktober 1908

Der erste Gallimarkttag
ist zur allgemeinen Zufriedenheit verlaufen. Begünstigt vom herrlichen Herbstwetter hat sich an ihm die alte Anziehungskraft des Gallimarkts aufs neue bewährt, ist seine Bedeutung für Stadt und Land vielleicht noch größer geworden. Am Vormittag hätte der Besuch wohl ein besserer sein können, am Nachmittag und am Abend flutete auf dem großen Platze jedoch eine froh gestimmte Menge auf und ab; jung und alt gab sich den Genüssen Jahrmarkts ganz hin. Die Schaubudenbesitzer werden heute vielleicht eine noch bessere Einnahme erzielen, die verschiedenen Karussells kamen wie gewöhnlich so auch gestern schon auf ihre Rechnung, von dem gebotenen Reitvergnügen im Hyppodrom machte groß und klein fleißigen Gebrauch und der Biograph sah bei seinen Vorstellungen stets ein gut besetztes Haus. Die Kasperletheater, alte Freunde der Märkte, führten ihre lustigen Späße einer großen schaulustigen Menge vor. Die Bezieher werden im allgemeinen mit dem ersten Tage zufrieden sein. - Die Brandwache stellenden Feuerwehrleute sind auf ihrem Posten gewesen. Das Ofenrohr einer Waffelbude war dem Hyppodrom zu nahe gerückt, dass dieses an einer Stelle bereits angesengt war. Die benachrichtigte Marktpolizei sorgte für schleunige Beseitigung der Gefahr. - In den Lokalen der Stadt, wo etwas „los“ war, fand sich fast überall guter Besuch. Ein Blick in den großen Löschschen Saal, wo die Elite der Landwirte am ersten Tage feiert, belehrte uns, dass dort in gewohnter Weise in „drangvoll fürchterlicher Enge“ das Tanzbein geschwungen wurde und man sich köstlich amüsierte. Ein ausgewähltes Publikum hörte sich im kleinen Saal die vorzüglichen DarbieDarbietungen des Possenensembles an, deren Vorträge den wärmsten Beifall fanden und sehr ansprachen. Die Wiener Schramml’n im Viktoria-Café unterhielten ein zahlreiches Publikum mit ihren ausgezeichneten Leistungen auf das beste. Im Behrendschen Saale fanden die Konzerte der Tirolergesellschaft großen Anklang. Die Gesellschaft „Berolina“ im Gasthof „Europa“ hatte sich schon am Dienstag gut eingeführt und erntete gestern für ihre heiteren dezenten Vorträge ungeteiltes Lob. - Das Restaurant Lossau hatte mit der Gesellschaft Strauß einen guten Griff getan und im Hotel „zum Erbgroßherzog“ gab die Spezialitätengesellschaft erstklassige Vorstellungen. Im Ratskeller und den sonstigen Lokalen war es immer gut besetzt und für angenehme musikalische Unterhaltung sorgten aufs beste die beliebten Harfenistinnen. Die Tanzlokale fanden durchschnittlich gute Beteiligung. - Heute am Haupttage ist der Besuch ein sehr starker.

Viehmarkt. Der heutige Gallimarktsviehmarkt hat eine Zutrift von etwa 422 Stück Hornvieh aufzuweisen. Der gleiche Markt des Vorjahres war mit 3800 Stück Vieh beschickt. Der diesmalige Markt ist also der größte Viehmarkt, der bislang in unserer Stadt abgehalten wurde.

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