Der Gallimarkt anno 1908

Bilder vom Gallimarkt

Ein Marktbummel

Es ist ein Vergnügen besonderer Art für mich, gemächlich und ganz allein über einen Jahrmarkt zu gehen.Musik und Tralala überall, sonntäglich gekleidete Menschen, denen man das Vergnügen vom Gesicht abliest, und neben all der Augenweide die köstlichen Anpreisungen der heiser gewordenen Ausrufer. Hier drängt sich eine Frau unter das Publikum, einen Miniatursattel zeigend, dort kündigt ein robuster Mann eine neue Vorstellung an. „Kommen Sie, meine Herrschaften, die Vorstellung hat soeben begonnen.“ - „Ja, wat meenst Du, Krischan?“ „Man los, immer rin!“ Und die beiden erledigen ihren Obolus und treten, nachdem eine Dame mit königlicher Gebärde die Portiere zurückgeschlagen hat, in das Allerheiligste ein. Mir war schon mancher Marktbesucher durch die Orden auf seiner Brust aufgefallen, aber bei einer holländischen Waffelbude stieß ich auf einen jungen Mann, der durch die unübersehbare Reihe von Auszeichnungen jeden Diplomaten irgend einer europäischen Großmacht in Erstaunen gesetzt hätte. Zu beiden Seiten seines rotgefütterten Jacketts trug er die begehrenswerten „Piepmätze“. Und darin unterschied er sich vorteilhaft von jedem Diplomaten, dass er seine Sterne auch wirklich verdient hatte. Beim Ossenkopp nämlich, wo er auf die Aufforderung des Besitzers „Hau den Lukas!“ hin das Männchen da oben jedes Mal zum Kippen gebracht hatte. - Ich stand bei der holländischen Waffelbude und war aufrichtig interessiert. Ein transportables Café mit spiegelwänden und traulichen Nischen. Schade, dass die beiden kleineren Karussells gerade gegenüber stehen, und ihre Orgeln hergeben lassen, was die Lunge hält. Im Getriebe hört man nicht weiter darauf, aber beim Kaffee? - Vor dem Affenkäfig drängt sich natürlich die liebe Jugend, nicht weniger vor und auf dem Fahrradkarussell. Ueberhaupt die Karussells! Und besonders die Berg- und Talbahn ! Ich entsinne mich, dass ich als Jun- ge keinem Menschen größere Bewunderung zollte, (so lange der Markt dauerte!) als den Bedientender Berg- und Talbahn. Diese Eleganz, mit der sie sich auf die dahinsausenden Wagen schwangen, einkassierten, absprangen und wieder aufsprangen, um endlich genau vor der Kasse sich absetzen zu lassen und dabei das gleichgültigste Gesicht machten, als sei nichts geschehen: Das imponierte mir immer und immer wieder. Damals wusste ich, welchen Beruf ich beim Eintritt ins Leben ergreifen würde; dass es nicht dazu gekommen ist, daran sind die Verhältnisse Schuld.

Im Hippodrom

Reiten kann jedermann ... Ich entschloß mich, eine andere Markt- und Jungenserinnerung aufzufrischen. Damals war es der Haberjansche Hippodrom aus Bremen, den ich mit Respekt betrachtete. „Reiten kann jedermann, im Hippodrom bei Haberjan! Jede Tour 30 Pfennig!“ Das war eine Summe für einen Jungen, der sein Marktgeld in Raten, d.h. 5 oder 10 Pfennig zur Zeit bekam. Gestern konnte ich auch solch freudestrahlendes Bürschchen beobachten, das sich eine Karte gelöst hatte und nun mit kritischen Blicken die Pferde musterte, um sich für das größte zu entscheiden. Ich wählte damals, nachdem ich richtig die drei Groschen zusammengebracht hatte, einen Doppelpony. Es war mein erster Ritt und - ich gestehe es schamhaft - auch mein letzter. Nicht, dass ich abgefallen wäre! O nein, mein Roß lief so fromm, dass ich sogar englisch reiten konnte. - Also ich stand wieder einmal im Hippodrom und sah mit Vergnügen den Reitern zu, wie sie sachte, sachte durch die Manege ritten. Unter ihnen waren viele, die zu Hause schnellere Tiere reiten können und vielleicht bei einem Kavallerieregiment ihre drei Jahre gedient hatten, dennoch machte es ihnen Spaß, mit ihrer besternten Brust sich ihren Kameraden und Mädchen zu zeigen.
Vor dem Kasperle-Theater

Hier war ich schon am Nachmittag gewesen. Im allgemeinen schwärme ich nicht für die Späße des Kasperle, aber es ist interessant, die Umstehenden zu betrachten. Wie groß und klein sich über den kecken Kerl amüsiert, wenn er, scheinbar ein lebendes Wesen, jedem Fingerdruck seines Meisters hinter der Holzwand gehorcht und die Szene beherrscht. Es waren gewiß mehrere hundert Menschen, die sich zu dieser „Vorstellung“ eingefunden hatten und nur dann etwas ernüchterten, wenn der Einsammler mit dem Teller nahte. Aber es ist zweifellos, dass Kasperle immer noch seinen Herrn ernährt.

Die Herrlichkeiten der Königstraße

Die Königstraße ist zum Vorort der Budenstadt geworden. Zu beiden Reihen stehen sie mit ihren kleinen und großen Tischen, die Gelegenheitsverkäufer, die zum großen Teil keinen eigenen Stand gemietet haben, aber die Konjunktur ausnutzen wollen. Und die Konjunktur ist günstig. Sie machen alle ihr Geschäft, die ihr „Sup, Sup, een Sup fief Penn’g!“ oder ihr Spätobst anbieten. - Die Königstraße hat aber auch die meisten Marktspezialitäten. Vom Kasperle sprach ich schon; in einiger Entfernung stehen zwei „Jakobs“. Als ich vorübergehe, ruft der eine mit Stentorstimme: „Keiner da? Eine halbe Mark die ganze Geschichte: 1 Brieftasche, 1 Notizbuch, noch ein Notizbuch und ein Bleistift.“ Seine Ware findet reißenden Absatz. Vor einer Pforte hat sich ein Orgeldreherpaar aufgestellt. Die Straße ist im wahrsten Sinne des Wortes von Menschen schwarz. „Sie“ dreht die Orgel, „Er“ verkauft die Lieder. In Riesenlettern prangt am Kopfende der Name Grete Beier. Aber der Zettel hat noch mehr Text. Eben wird ein neues Lied angestimmt. Die Orgel sträubt sich erst ein wenig, murrt und quietscht vor Ärger, aber allmählich gehorcht sie den regelmäßigen Bewegungen der Gebieterin. Erst kommt das Vorspiel; dann beginnt die Frau zu Singen. Und als der Refrain kommt, fällt auch der Mann mit ein. Sopran und lyrischer Tenor vereinigen sich zu vollster Harmonie:

Dem Müller seine Frau ist durchgebrannt
Tralalalala.
Wohin, das ist noch unbekannt.
Tralalalala.


Zwei Schüler mit bunten Mützen betrachten das Ehepaar mit Schmunzeln und brechen sogar in ein Lachen aus. Ein drohender Blick des „Tenors“ verscheucht sie. Nachdem ich mir mühsam einen Weg durch die Menschenmauer gebahnt habe, trete ich einen interessanten Gang an.


Ein Blick aus der Vogelschau

Ist schon jemals ein Leeraner auf den Gedanken gekommen, zurzeit des Gallimarktes, wenn die Schatten des Abends sich herniedersenken, den Rathausturm zu besteigen, um von der luftigen Höhe aus den Markt zu betrachten? Nun, ich hatte diesen Einfall, und dem entgegenkommen des Rathauskastellans verdanke ich die Erfüllung meiner Laune. Ich gestehe, dass ich auf meine Kosten gekommen bin. Der Anblick des hell erleuchteten Marktplatzes war wundervoll. Es wäre noch schöner gewesen, wenn eine der Attraktionen des Marktes, der Lambertzsche Biograph, mir seine Lichtseite zugekehrt hätte. So war es namentlich die Berg- und Talbahn, deren feenhafte Beleuchtung in die Auchen stach . Ganz von ferne tönte die Musik herüber. Die Stadt selbst lag in tiefes Dunkel gehüllt. Nur vereinzelt drangen Menschenstimmen zu mir herauf, bis plötzlich ein Trupp junger Leute beiderlei Geschlechts ein altes Volkslied anstimmte. In langer Reihe marschierten sie, vom Markte kommend, durch die Straße, vermutlich einem Tanzlokale zu. Marktfreuden! ---

zurück